Goodbye Nepal! Der lange Abschied

“Please, don`t say my last !”, fleht mich Arati, bei derer Familie ich also jetzt 5 Monate zu Gast war, an. Doch ist es nach meinem Verständnis :
meine letzte Wanderung nach Badikhel, dem kleinen Dörfchen mit dem hübschen Wasserbecken und Brunnen;
meine letzte Fahrt mit Mikros ins staubige, stinkende, faszinierende Kathmandu;
mein letztes Mal in einer Rikscha durch die engen, belebten Gässchen der Altstadt;
mein letzter Aufstieg -dieses Mal habe ich die steilen Stufen gezählt! es sind 356 !- zu “meinem” Santaneswar Tempel, den man thronend auf seinem markanten Hügel von rundherum in der Gegend sieht;
mein letzter “morning walk” um 6 Uhr früh, es ist schon sonnig, aber noch angenehm kühl.
Ich wandere ein letztes Mal hinauf zu der riesigen vergoldeten Buddhastatue (echt echt?) und zünde ein letztes Mal ein Öllämpchen an, das der Aufseher mir diensteifrig um 10 ru verkauft;
wandere ein letztes Mal hinab – nun nicht mehr über Lehmterrassen, die von Ziegelarbeiterfamilien bearbeitet werden, sondern über schmale Saumpfade zwischen Reisfeldern – und wieder hinauf zum Ziegelofen, der erst gestern aufgehört hat zu rauchen;
treffe ein letztes Mal ehemalige Schüler, die ja schon wieder Ferien haben!;
spaziere ein letztes Mal in den Schulhof: siehe da, die Schüler der 11. und 12. Schulstufe haben Unterricht! Doch sind in Padams Englischklasse statt 36 nur 5 Schüler anwesend: ach ja, die Fußball WM !! Heute Nacht war Italien gegen England !
lade ein letztes Mal meine Gastfamilie samt Haushälterin und Sohn in das kleine, ausgezeichnete und darüber hinaus noch billige Restaurant im Ort zum Nachtmahl ein und denke: niemand wird mir glauben, dass ich für 6 Personen köstliches Essen, 1 Bier, 2 Sprite, insgesamt nur 1300 rs = ca 10 € bezahlt habe;
bewundere ein letztes Mal die Aussicht von meinem Zimmerfenster;
esse ein letztes Mal Daal Bhaat mit den Fingern und trinke dazu abgekochtes, heißes Wasser;
genieße meine letzten Momos und freue mich trotzdem auf unser österr. Brot, auf Käse, Wurst und Trinkwasser aus der Leitung!
Ein letztes Mal hier etwas tun heißt ja nicht, dass ich vielleicht nicht wieder komme.
Goodbye Nepal – Auf Wiedersehen !

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Maipokhari – der heilige Teich

In Ilam Bazaar warten viele Jeeps auf Fahrten, und schnell habe ich mich mit einem Taxifahrer geeinigt: für 3000 rs= etwa 23€ bringt er mich nach Maipokhari und wieder retour.
Die Fahrt ist allerdings nichts für Leute mit Rückenproblemen: gute eineinhalb Stunden fahren wir mit 10 kmh eine ungeteerte, oft aber mit groben Steinbrocken befestigte Piste bergauf. Die Gegend wechselt von Dschungel, Bananenstauden zu Kardamomfeldern, Teeplantagen und Mais.
Mein Driver hält bereitwillig an, wenn ich die Teepflückerinnen fotografieren oder auch nur die Landschaft bewundern möchte.
Maipokhari liegt auf rund 2200 m und der Teich ist Naturschutzgebiet, aber vor allem Pilgerziel. Naturverehrung vereint sich hier mit hinduistischen und buddhistischen Glaubensvorstellungen. Dementsprechend erzählt mir Mahesh, mein Fahrer, verschiedene Legenden, als wir gemeinsam den kleinen See umrunden. Der Teich hat neun Buchten,- ich zähle nur sieben- und in jeder dieser Ecken wird eine andere Gottheit verehrt. Gleichzeitig ist er auch der Wohnort einer Natugöttin mit 9 verschiedenen Erscheinungsformen, aber auch Shiva und seine Frau Parvati haben in diesem Teich gebadet.
Jährlich im Oktober/November in einer bestimmten Mondnacht wird hier ein großes religiöses Fest, ein “mela”, gefeiert. Nicht nur aus den umliegenden Ortschaften sondern auch von
weither pilgern die Gläubigen zum See, um hier zu baden, beten, singen, tanzen, opfern – zu feiern.
Es ist das Ende der Trockenzeit: die Monsunregen stehen kurz bevor. Der Wasserstand des Teiches ist sehr niedrig. Rhododendronbäume und Magnolienbäume blühen nicht mehr, aber gemeinsam mit den hohen, schlanken Zypressen ( oder waren es Zedern?) ergibt sich ein friedliches, sehr stimmungsvolles Bild. Außerdem ist am gegenüberliegenden Ufer nur eine nepalesische Familie anwesend. Zuerst denke ich, sie fischen, aber nein, sie werfen Reiskörner und Blumen als Opfergaben ins heilige Wasser.
Dann habe ich wieder einmal großes Glück: am Wegende rutsche ich auf dem feuchten, glitschigen Boden aus und falle gegen einen rostigen Stacheldrahtzaun. Aber außer einer schmutzigen Hose und Kratzer an den Händen nichts weiter passiert!
Ich lade Mahesh auf Tee und Lunch in das kleine Gasthaus ein. Große Überraschung, als wir die Gaststube betreten: es sieht mit dem mächtigen Holztisch, den Bänken und der Wandver-
kleidung beinahe alpin aus. Alles ist blitzsauber und freundlich. Das Essen ausgezeichnet- frisch zubereitet-, und ich zahle für uns beide: 210 rs= 1,8 € !!! Ist das zu glauben?
Sherpa -Bevölkerung lebt hier heroben; buddhistische Gebetsfahnen wehen im Wind.
Auf der Rückfahrt nehmen wir die Familie mit, -ich habe nichts dagegen, dass Mahesh noch ein bisserl was dazuverdient. Allerdings weist er ihnen die rückwärtigen Plätze zu, und ich darf weiterhin vorne neben ihm sitzen.
Ein herrlicher Tagesausflug in einer von westlichen Touristen überhaupt nicht besuchten
Gegend.

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Ilam Stadt – 150 Jahre Tee

Mit dem heillos überfüllten Sammeltaxijeep geht es am nächsten Tag von Phikal in gewohnt rasanter Fahrt steil und kurvenreich bergab ins Flusstal des Mai Khola, um sofort wieder ebenso steil nach Ilam Stadt hinaufzuklettern.

Ich habe einen Platz im Kofferraum erwischt: sitze verkehrt zur Fahrtrichtung und klammere mich wo immer möglich an. Der Fahrtwind ist kälter als erwartet – prompt verkühle ich mich auch.

Die vorbeibrausende Gegend ist so schön, dass ich bedaure, nicht im Privattaxi zu sitzen, öfter stehenbleiben zu können, – einfach langsamer unterwegs zu sein. Tiefblicke auf umliegende Täler, steile, terrassierte Berghänge und winzige  Ortschaften, Dschungel, Tee-, Kardamom,-Kukuruzfelder huschen vorüber.

Gleichermaßen sind aber auch meine Mitreisenden ein Augenschmaus: die junge Mutter im himmelblauen Sari mit ihrem kleinen Sohn, dessen Augen sie mit schwarzem Kohlestift umrandet hat, der Alte neben mir in der traditionellen -ehemals-weißen Pluderhose, der Jugendliche mit den gefärbten Haaren und dem schicken Haarschnitt – ach, welch ein buntes Bild!

Der “Schaffner” hängt außen am Jeep und einmal muss er diesen Platz sogar hergeben und klettert aufs Dach.

Ilam Bazaar ist eines der saubersten Städtchen Nepals. Mein mir empfohlenes Hotel liegt am Rande und heißt zu recht “Green View”, weil unmittelbar in den Teehügeln liegend. Allerdings hat es schon bessere Tage gesehen, aber das Zimmer ist geräumig und billig: etwa 7€ die Nacht, DWC. Wieder organisiere ich mir eine zweite Matratze – Nepalesen schlafen hart, auf Brett und dünner Matratze.

Hier hat also 1864 der Teeanbau in Nepal begonnen. Die Plantagen sind seit 1960 verstaatlicht, und die hiesige Teefabrik wirkt auf mich verlassen, dürfte aber doch noch in Betrieb sein.

“Tea is a tree”, erklärt mir ein Mann, als ich die dicken, alten Stämme der Teesträucher fotografiere. Würde man die Pflanze nicht jährlich zurückschneiden, wäre hier ein Teebaumwald?

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Ich spaziere hinauf zum Aussichtsturm und stelle mir den großartigen Rundblick vor, der von hier möglich wäre, wenn die tiefhängenden Wolken und Nebelfetzen öfter mal aufreißen würden. Aber ich kann mich über das Wetter nicht beklagen: Regen und Gewitter waren angesagt – es ist trocken und sogar hin und wieder sonnig.

Im Ort bemerke ich einige hübsche alte Häuser mit bemalten Holzveranden. Dann klappere ich ein paar Buchläden ab, auf der Suche nach etwas zum Lesen. Es gibt die erstaunlichste wissenschaftliche Fachliteratur auf englisch, aber keine engl. Belletristik. Endlich kramt ein Buchhändler ein paar verstaubte Taschenbücher hervor: ich habe die Wahl zwischen “Love Chemistry”, “Introduction to The Ramayana” und einem Buch über Steve Hawkins, das aber mit Formeln nur so gespickt ist. Ich kaufe ersteres, die pubertären Erlebnisse eines indischen 17 Jährigen. Auch nicht uninteressant.

Nach einer ziemlich schlaflosen, gelsengequälten Nacht übersiedle ich in den Neubau. Vow, das zukünftige neue Hotel hat bereits voll möblierte, sehr schöne Zimmer im 2. Stock. Sonst ist noch unten und oben Baustelle. Allerdings kostet das Luxuszimmer 15€.

Ja, und heute fahre ich nach Maipokhari, zum neuneckigen, heiligen Teich.

Teetrinken in Ilam

Okay, es sind Monokulturen, diese wie rasiert aussehenden Teehügel, die sich Mugel an Mugel aneinanderreihen. Trotzdem finde ich sie wunderschön und bin von ihrem Anblick fasziniert.
Nach Phikal fahre ich wegen “Kanyam Tea Garden”, der herrlich gelegenen großen Teeplantage.
Aber zunächst quartiere ich mich im “besten Hotel” der Ortschaft ein: von außen so schauerlich, dass ich gleich umkehren möchte. Es ist ein altes, mehrstöckiges Hanghaus, und jede Generation hat wohl noch ein Stockwerk den Berghang hinauf dazu gebaut. Man zeigt mir das einzige Zimmer mit Bad/WC. Viele hohe Stufen führen zum letzten Anbau ganz aus Holz – es hat den Charme einer alpinen Berghütte und ich beschließe zu bleiben.
Ein Taxi bringt mich nach Kanyam. Es ist sehr neblig, und die Teehügel tauchen schemenhaft auf. Mein Taxifahrer Rajiv begleitet mich auf einer kurzen Wanderung durch die Plantage und erklärt auch so manches. Wir unterhalten uns mit Teepflückerinnen und kommen schließlich zur Teefabrik. Es ist 16h und schon Betriebsschluss, aber der Portier führt uns bereitwillig herum. Rajiv gesteht, dass er zum ersten mal die Fabrik besucht und ist genauso interessiert wie ich.
Im Hotel gibt`s heißes Duschwasser aus zwei großen Kübeln, die ein Boy heraufschleppt. Das Bett ist hart, aber eine zweite Matratze schnell organisiert. Ich schlafe herrlich und werde noch eine Nacht hier bleiben.
Am nächsten Tag wandere ich durch die Ortschaft, kaufe einen Bund süßer, saftiger Litschi, probiere den örtlichen Käse, der so hart ist, dass man ihn nur lutschen, aber nicht beißen kann, und begegne Zac.
Es gibt hier keine westlichen Touristen, also spricht mich Zac erstaunt an, was ich hier tue und wohin ich denn unterwegs sei.
Zacharias ist Kanadier, seit 11 Jahren in Nepal, mit einer Nepalesin verheiratet und unter anderem auch Biobauer. Er lädt mich ein, seine kleine Farm zu besuchen und ich lerne heute alles über Permakultur, organic farming, dem Wunderbaum Pauwlonia tomentosa (zuhause gegoogelt stelle ich fest, dass dies der Lieblingsbaum von unserem Kaiser Franz Josef war !), den er für die Kleinbauern der Umgebung züchtet und fast gratis hergibt. Hier wechselt Dschungel mit winzigen Feldern, auf denen Kardamom, Gemüse, Obstbäume, Heilpflanzen und Mais angebaut wird, ab. Ich verbringe einen spannenden Tag mit ihm und seiner Familie, und dann trinken wir Tee, aus dem eigenen Teegarten, beste Sorte, ein wahrer Genuss!
Eine weitere Tasse Tee darf ich noch bei einem Nachbarn verkosten – wieder bin ich Gast in einem nepalesischen Haus. Voll berechtigtem Stolz reicht mir die Hausfrau den köstlich duftenden selbst angebauten Tee.
3 km marschiere ich dann um 18h bergab auf der kurvenreichen Straße zurück ins Dorf. Der Nebel ist unglaublich dicht geworden; ich kann verstehen, dass sich die Engländer hier wohl gefühlt haben. Fast ist mir ein bisschen entrisch zumute, so allein auf der Straße im dichten Nebel. Aber ich erlebe Nepal als sicheres Reiseland und habe nur vor den verrückt schnell fahrenden Fahrzeugen großen Respekt.
Abends bin ich der einzige Gast in meinem Hotel und speise frisch zubereitetes Daal Bhaat bei Kerzenlicht – Stromabschaltung auch hier, wie in ganz Nepal.

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Hello Darjeeling ! – und : nepalesische Gastfreundschaft

Seit einer Stunde stehe ich nun an der Ring Road, der Staub-und Abgashölle Kathmandus und warte auf den Überlandbus nach Ilam. Einer der kleinen Standler, die hier Obst, Snacks und DVD`s feilbieten, hat mir seinen Hocker angeboten und versichert, dass der Bus kommen wird. Und er kommt tatsächlich; eineinhalb Stunden später als angegeben – Nepali Zeit!
Die letzten beiden Wochen meines Nepalaufenthaltes habe ich frei: die Ziegelarbeiter sind weggezogen, und meine staatliche Schule hat seit heute – kaum dass das neue Schuljahr begonnen hat- Sommerferien.
Der Osten Nepals, dort, wo der Tee herkommt, den ich in Pokhara voreilig gekauft habe, interessiert mich.
Mein Bus ist ein nepalesischer Luxusbus: verstellbare Rücklehnen und normalbreite Sitze. Air Condition und WiFi sind außen groß aufgemalt – funktionieren aber nicht. Das Innere ist vielleicht eine Spur sauberer als in den üblichen Bussen, aber immer noch dreckig. Ich sitze in der 2. Reihe, Mittelgang; leider direkt unter dem dröhnenden Lautsprecher – FM4 auf nepalisch.
Ich bin falsch angezogen: die Nacht und vor allem die frühe Morgenstunde im Bus wird kalt- dachte ich. Das Gegenteil tritt ein: Es wird immer heißer und feuchter. Kathmandu liegt auf ca. 1400 m ,- der Bus fährt zunächst gen Westen, immer bergab, und erst ab Chitwan -und da sind wir bereits im Terai, im Tiefland – gegen Osten. Die letzten zwei Stunden geht es jedoch wieder steil bergauf bis auf 2050 m.
Um 8 Uhr früh haben wir den Grenzort zu Indien – Paspatinagar- erreicht. Darjeeling ist theoretisch ( es ist neblig und die Wolken hängen tief) von hier aus zu sehen. Ich habe kein indisches Visum, da dieser Trip ( schon wieder Ferien? ) nicht vorgesehen war. Dennoch lassen mich die Grenzpolizisten mit dem Freund des Neffen eines Freundes ( so funktioniert das hier! man wird weitergereicht ) nach Indien hinüberspazieren : Hello Darjeeling! Maybe next time.

Das Herrenmodengeschäft ( viele Inder kommen tagsüber shoppen nach Nepal – kleiner Grenzverkehr !) des Neffen hat inzwischen geöffnet, er selbst schläft noch, aber seine Mutter bemächtigt sich meiner. Sie zeigt mir die Volksschule, das kleine Spital, den Tempel, ihr Haus. Sie erzählt mir, warum ihr Mann in Kathmandu lebt, sie aber mit Sohn hier; ich verstehe kein Wort,- kann nur mitfühlend nicken, ach, diese Männer!
Um etwa 11 Uhr vormittags wird der Sohn munter, und ich lasse ihn von seinem Onkel – meinem Freund und Lehrerkollegen- grüßen.
Eigentlich wollte ich nur eben mal kurz hallo sagen, aber Mutter ist schon in der Küche, ich muss zum Essen bleiben. Eine Stunde später gibt`s üppiges Daal Bhaat: der Sohn und ich werden von der Mutter bewirtet, sie selbst isst vermutlich später.
Dann schenkt sie mir noch einen hübschen Schal und lässt sich zum Dank in allen Posen -mit Sohn und ohne- fotografieren. Das freut sie sehr.
Ich steige in einen überfüllten Jeep – 18 Personen, wo nur max. 10 Platz hätten !!- und fahre in die nächste Ortschaft – Phikal.
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Fotografiert werden ist eine ernste Angelegenheit in Nepal : man lächelt nicht !! Nur unwissende Kinder tun das, oder, wenn man sie sehr darum bittet auch Erwachsene; aber dann nur ungern.
War in meiner Großmutters Zeiten bei uns übrigens genauso.

Bhaktapur revisited

Auf meiner Bergab-Wanderung von Nagarkot nach Changu Narayan und weiter nach Bhaktapur begegne ich einem alten Ziegenhirten. Seine vier Ziegen grasen friedlich im steilen Pinienwald; er sitzt auf einem Moospolster und starrt ins Nichts. Doch bemerkt er mich und ruft mir zu: “Basnus!”, was soviel wie “Setzen sie sich doch!” heißt. Müde von drei Stunden Trekken folge ich gerne seiner Aufforderung und setze mich neben ihn. Der Waldboden ist trocken, doch die Piniennadeln stechen etwas.
Gemeinsam schauen wir einige Zeit still ins Land. Dann stelle ich mit Erstaunen fest, dass der Mann genügend Englisch kann – und ich genügend Nepali – , um eine durchaus angeregte Unterhaltung zu führen. Natürlich ist es zunächst das übliche Frage-Antwortspiel, wer ich denn sei, was ich hier tue, wie lange schon und noch. Inzwischen hat sich eine uralte, runzlige Frau mit auch ein paar Ziegen zu uns gesellt. Neugierig hört sie zu. Aber ihre Tiere ziehen weiter und sie muss folgen.
Als wir geklärt haben, dass ich noch eine Nacht in der Gegend bleiben werde, bietet mir der Hirte spontan sein Haus an. “Was ich esse, essen Sie auch”, und ” paisa chaina! No money! Sie sind mein Gast!”.
Einen Augenblick überlege ich, die Einladung anzunehmen. Dann aber denke ich an den Lehmboden in seiner Hütte, das harte Brett als Bett, das Klo hinter dem Haus, das fehlende elek- trische Licht. Dankend lehne ich mit dem Hinweis auf ein bereits reserviertes Hotelzimmer in Bhaktapur ab.
Wäre ich zwanzig Jahre jünger gewesen, ausgestattet mit Schlafsack und genügend Klopapier – hätte ich vielleicht angenommen.
Eine Stunde später erreiche ich das Bergstädtchen Changu Narayan. Heute ist Samstag, der freie Tag der Woche. Viele nepalesische Familien sind mit dem Lokalbus heraufgefahren. Sie picknicken im Tempelbezirk und lassen leider auch Plastikbecher, Papierteller etc. ungeniert zurück. Jugendliche kommen auf Motorräder, spielen laute Popmusik und fotografieren sich gegenseitig mit ihren Handys. Es ist Feiertagsstimmung.
Ich kehre in ein Gasthaus ein : es gibt nur Daal-Bhaat, das aber ist reichlich und gut.
Eigentlich wollte ich dieses Mal tatsächlich zu Fuß nach Bhaktapur wandern. Aber “zum Glück” ziehen schwarze Gewitterwolken auf und so besteige ich “guten Gewissens” den Bus.
In Bhaktapur scheint die Sonne! Mein Guest House liegt direkt am Hauptplatz: sehr preiswert und romantisch. Schnell geduscht, umgezogen und hinein ins samstägliche Bhaktapur!
Am Durbar Square, dem riesigen Hauptplatz, sitzen wir Einheimische und schauen den indischen Pilgergruppen, den chinesischen Touristen und den spielenden Kindern zu. Ich genieße immer wieder die herrliche Langsamkeit, die vielen müßigen Stunden, die ich nur mit Schauen, Horchen und Staunen verbringen kann.
Dann spaziere ich zum Taumadhi Tol, dem zweiten prächtigen Platz, gesäumt von der Nyatapola Pagode und dem wuchtigen Bhairabnath Tempel. In einem Kreis sitzen junge und alte Männer auf dem Boden. Fasziniert höre ich ihren Wechselgesängen zu. Es sind kultische Hymnen, “bhajan”. Dazu wird auf verschiedensten Trommeln geschlagen, auf langen Holzflöten geblasen und Tschinellen ergänzen die doch sehr fremdartig klingende Musik. Aber der Rhythmus nimmt mich gefangen.
Es wird allmählich dunkel. Frauen entzünden Öllämpchen rund um den Tempel, wo zwei weitere Grüppchen singen und musizieren. Nur schwer kann ich mich von den singenden, betenden Musikanten losreißen. Zu gerne wäre ich noch länger geblieben, doch Dinner gibt es im “Shiva`s Corner” nur bis 21 Uhr.
Bhaktapur revisited: wieder habe ich viel Neues erlebt und erfahren. Auf ganz langsame Art und Weise.

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Auf Besuch – und : Ein Schulausflug

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Heute Donnerstag ist schon wieder einmal schulfrei: “Republican Day”. Politische Pessimisten witzeln übrigens, dass nächstes Jahr dieser Tag vielleicht “Monarchy Day” heißen wird – auf jeden Fall aber: no school.
Padam unterrichtet Englisch an meiner Schule. Ich habe ihm den am Wiener Flughafen gekauften Whiskey gegen eine Einladung bei ihm zuhause angeboten. Mal sehen, wie eine Lehrerfamilie so wohnt.
Padam wohnt in Bhaktapur- außerhalb der Altstadt. Seine Mietwohnung ist schäbig, kärglich eingerichtet – er verdient im Monat etwa 192 € bei 30 Unterrichtsstunden wöchentlich.
Ich habe für die Kinder Bücher mitgebracht und eine Flasche Rotwein für die Gattin.( Whiskey und Wein sind beliebte Gastgeschenke in Nepal – trinkt man`s nicht selber, hat man etwas zum Weiterschenken). Ein Jugendfreund Padams, Mathematikprofessor am College, ist auch eingeladen.
Während des Dinners- Chicken Daal Bhaat- fällt mir die 4-jährige Tochter auf. Ruby ist nicht geistig behindert, sondern seit ihrer Geburt taub. Padams Frau hatte Röteln in der Schwangerschaft.
Aber Padam verkaufte vor einem halben Jahr sein ererbtes Stück Land und konnte damit ein Ohrimplantat (von einer österr. Firma hergestellt !) für das rechte Ohr seiner Tochter finanzieren. Euro 12 000 ist eine ungeheure Summe für nepalesische Verhältnisse. Jetzt lernt Ruby sprechen. Ihr linkes Ohr wird taub bleiben, da alle finanziellen Reserven der Familie aufgebraucht sind.
Nachdenklich kehre ich zu meinem kleinen Hotel mitten in Bhaktapurs Altstadt zurück.
Am nächsten Tag nehme ich den Lokalbus nach Nagarkot, hoch oben in den Bergen. Ich suche mir ein günstiges Hotel mit toller Aussicht und mache mich auf den Weg zum View Tower, dem höchsten Punkt: 2142m. Gleichzeitig wandern zwei Schulklassen – 16 Jährige- zum Aussichtsturm. “Namaste!” und “Where do you come from?” und schon bin ich von einer Gruppe lustiger junger Leute umgeben, die nun mit mir gemeinsam losziehen. Einen kurzweiligeren Aufstieg hätte ich mir nicht wünschen können! Wir fragen einander aus, scherzen und es wird viel geblödelt und gelacht.
Wir sind die ersten am Gipfel. Die beiden begleitenden Lehrer kommen allmählich mit den restlichen Schülern nach.
Natürlich komme ich auch mit ihnen ins Gespräch. Der Englischlehrer beweist seine solide Kenntnis der europäischen Literatur: er hat von Kafka, Hesse und Mann bis Joyce, Sartre und Dostojewski so alles gelesen, was Rang und Namen hat. Allerhand!
Hinunter lasse ich die Klassen vorgehen, und bleibe noch ein Weilchen sitzen – umgeben von friedlichen, faulen Hunden und dann und wann ein nepalesisches Pärchen, das mit dem Motorrad heraufgefahren ist.
Die Himalayakette ist zu dieser Jahreszeit untertags nicht zu sehen – Luftverschmutzung verhindert dies seit Jahren. Aber die unter mir liegenden Täler sind auch sehr stimmungsvoll.

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Mit CDO unterwegs zu entlegenen Dörfern

Ob ich Lust hätte, an einem “eye-camp” teilzunehmen? Sie könnten auch meine Hilfe gebrauchen!
Eine Jeepfahrt zu den sogenannten “remote villages”, den entlegenen Dörfern und ich kann mich außerdem nützlich machen? Und ob ich dazu Lust habe!
Um 5 Uhr früh steht der 4WD mit Fahrer vor unserem Haus. Wir laden eine große Kiste mit Medikamenten ein und los geht`s. Wir: Pradeep von CDO, Ramaya, eine Krankenschwester (health worker) und ich.
In Kathmandu steigen noch eine Augenärztin und eine Sozialarbeiterin zu. Auf beide müssen wir gute 20 Minuten warten – na ja, Nepali time! Die Fahrt geht vorbei an Bhaktapur und Banepa, wo wir im dortigen Augenspital frischoperierte Patienten ( Grauer Star) besuchen. Die alten Leute werden heute entlassen und tragen stolz ihre Sonnenbrillen.
In Dhulikhel zweigen wir vom Arniko Hihgway (Highway bedeutet in Nepal eine enge, gerade mal 2-spurige, aber geteerte Straße), der weiter nach Tibet führt, ab, und nun wird es abenteuerlich. Die geteerte Straße wird zu einer Sand-,Schotterpiste, die sich unaufhörlich   bergauf windet. An Tiefblicken neben der Straße bin ich ja nun schon gewöhnt, aber ich staune immer wieder über die Fahrkünste nepalesischer Fahrer, die auf solchen Straßen auch mit Bus und Lastwagen ( wenn auch nur 1-2x am Tag) unterwegs sind. Die Straße ist bald nur mehr ein Weg, – wir verfahren uns 3x , obwohl unser Fahrer in jeder Ortschaft den Weg erfragt.
Ich genieße die Gegend: Bergrücken hinter Bergrücken, dazwischen tiefe Täler. Die Berghänge sind terrassiert und überall kleben kleine Häuschen. In den Ortschaften sehe ich, dass die meisten dieser Häuser aus ungebrannten Lehmziegeln, oder Steinen mit Lehm verschmiert, bestehen. Hühner, eine Kuh und Ziegen neben bzw. im Häuschen. Die Menschen arbeiten auf den winzigen Feldern: das Getreide ist bereits geerntet, nun wird wieder umgegraben und neu gepflanzt- Mais, Erdäpfel, Reis.
Schulkinder in ihren Uniformen von und zur Schule. “Namaste” und “hello” rufen sie zu mir ins Fenster.
Unser Dorf liegt im Tal: es geht etwa 1000 Höhenmeter bergab, quer durch einen Bach und dann sind wir nach guten 3 Stunden da.
In einer Schule (Lehmboden, verlottert, aber privat!) schlagen wir unser Quartier auf. Die Dorfbewohner warten schon: es sind überwiegend alte Leute. Sie kommen gekrümmt, sich auf Bambusstecken stützend, zum Teil barfuß. Sie sind fröhlich und voll Erwartung. Wir führen Sehtests durch, tropfen ihre Augen ein, geben ihnen Medikamente und Brillen. Sie sind geduldig, freundlich, dankbar.
Heute sind es mehr als hundert, die gekommen sind. Zehn von ihnen werden demnächst mit ihren Angehörigen in die Stadt -Banepa oder Kathmandu- fahren zu einer Staroperation.
Wir teilen an alle Saftpackerln aus, wobei ich mit Entsetzen bemerke, dass die leeren einfach weggeschmissen werden. Und so schaut es auch in Nepal überall wo Menschen wohnen, ziemlich versaut aus: Plastik, Papier, was auch immer, liegt herum. Ich organisiere eine Schachtel und klaube die Packerln auf, was unverständiges Erstaunen und mildes Lächeln hervorruft. Ich weiß schon: die alten Leute werden sich nicht mehr ändern, aber es rennen auch genug Kinder und Erwachsene herum, die vielleicht, vielleicht dazulernen. ( Meinen CDO-Leuten habe ich schon 1mal erklärt, stets Mistbehälter bereitzustellen, aber…)
Um 4 Uhr ist Schluss. Wir packen zusammen; ich unterhalte mich noch mit dem Besitzer der Schule: er ist durchaus stolz auf diese verkommene Lehranstalt. Drei Lehrer unterrichten hier – heute war wegen uns schulfrei. Es gibt in der Gegend auch öffentliche Schulen, aber er kann die Eltern überzeugen, ihre Kinder zu ihm zu schicken. Na ja, ich muss ja nicht alles verstehen.
Die Heimfahrt: zuerst Flussüberquerung ( vor uns steckt der 1mal tägliche Linienbus im Wasser!), dann 1000 m bergauf und 3 holprige Stunden nachhause. In Banepa kehren wir ein und essen natürlich –  Momos!

Ich habe diesen Tag sehr genossen: die alten Leute, die herrliche Landschaft, das Streitgespräch mit dem Schulbesitzer, die abenteuerliche Jeepfahrt, die Momos.

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P.S.: Dörfer wie bei uns gibt es schon, aber oft sind damit auch die umliegenden Streuhöfe/Keuschen gemeint. Schulkinder gehen 1-2 Stunden bergauf, bergab. Schmale Saumpfade durchziehen die Landschaft.

Everything you always wanted to know about the silkworm – und : wie man seinen Sohn verheiratet

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Alles was ich jemals über die Seidenraupenzucht wissen wollte, erklärte mir Kumar Subedi, Leiter der “silkworm farm” in Bandipur.
Auf meinem Weg dorthin überholen mich 2 Männer, fragen, wo ich hin will und -Bingo! – einer ist der Managing Director. Wir steigen durch Maulbeerplantagen bergab, erreichen die Seidenraupenzuchtstation und Direktor-Dhai führt mich herum.
Vom Ei des Seidenspinners bis zur Ernte des Kokons vergehen etwa 4 Wochen, in denen sich die Größe der Raupe um das 10.000-fache steigert: zuerst sind`s kleine 3 mm Würmchen, dann 7-9 cm lange Raupen, die nun zu fressen aufhören und sich einspinnen. Sie haben in den ca. 28 Tagen ohnehin 4x täglich kiloweise zerkleinerte Maulbeerblätter gefressen!
“Sericulture” = Seidenproduktion- gibt es in Nepal erst seit 100 Jahren. Obwohl das warme Klima günstig wäre, ist sie immer noch ein bäuerliches Nischenprodukt.
Diese staatliche Seidenraupenfarm beliefert die umliegenden Dörfer mit Maulbeerschösslingen und Seidenspinnereier.
Die Bäuerinnen ( es ist vornehmlich ein weibliches Gewerbe!) liefern die Kokons hier ab, die dann gekocht und zur Weiterverarbeitung verschickt werden.
Die Farm ist nicht sehr groß, und offensichtlich kommen Besucher nur sehr selten.
Später sitzen wir unter dem dichten Newarobaum, der herrlich kühlen Schatten spendet und trinken Tee. Unter dem Laubdach dieses Baumes zu sitzen ist ein Luxus, denn seine Blätter geben köstliches Kuhfutter ab und werden überall ratzekahl abgeerntet.
Direktor-Dhai erzählt von seinen Übersee-Reisen, interessiert sich auch für mein Leben und schließlich sprechen wir über: die heutige Jugend! Er will wissen, ob es stimmt, dass in Europa und den USA die jungen Leute von zuhause ausziehen und die Eltern allein lassen.
Und warum meine erwachsenen Kinder noch nicht verheiratet sind?
Er hat -wie wahrscheinlich alle Eltern in Nepal – die Sache in die Hand genommen und seinen Sohn bereits verheiratet. Wie das?, frage ich.

Dhai erzählt: Zuerst habe er bei Freunden, Verwandten, Nachbarn Erkundigungen eingeholt über heiratsfähige Mädchen aus derselben Kaste ( Offiziell sind die Kasten abgeschafft !) und aus einer passablen (wohlsituierten!) Familie. Der Sohn durfte nun aus der Ferne das Mädchen beäugeln: “Do you like her?” “Thik cha!”= ok ! Danach nahm Vater Kontakt mit der Familie auf. Des Mädchens Vater verfuhr mit ihr ebenso ( “heutzutage wird ja auch das Mädchen gefragt!”)- sie erblickt den evtl. Zukünftigen ebenfalls aus der Ferne und :”Do you like him?” “Thik cha!”. Dann nehmen die Väter die konkreten Eheverhandlungen auf, man einigt sich und es kommt zur Hochzeit.
Sohn und Schwiegertochter, mittlerweilen auch schon Enkelkind, leben natürlich im Haus des Vaters.
Alle sind glücklich und zufrieden.
Was tun, wenn du nur Töchter und also keine Altersvorsorge hast?, frage ich. Dhai zuckt die Schultern. Ke garne. Pech gehabt. Wahrscheinlich hat etwas in deinem früheren Leben nicht ganz gestimmt.
Auf jeden Fall bedauert er aufrichtig alle westlichen Eltern, deren erwachsene Kinder nicht im gemeinsamen Haushalt leben.
Nepal hat – wie alle Entwicklungsländer (und USA!) der Welt- keine staatlichen Alterspensionen (außer für Regierungsbeamte), keine Sozial-und Krankenfürsorge.
Ein Angestellter kommt mit Motorradhelm. Ob er mich hinauf zur Ortschaft mitnehmen kann? Ob ich mich denn nicht fürchten würde? Die “Straße” sei schlecht! Besser schlecht gefahren, als in der Mittagshitze eine Stunde bergauf hatschen.
Ich klammere mich an- ja doch, die Piste ist extrem! : Tiefe Löcher, Felsbrocken, Sand.
Aber wie gesagt, besser….